5. April 2024

Das PSS-Konzept von Vivamos: Psychosoziale Unterstützung bei armuts- und konfliktbetroffenen Kindern und Jugendlichen

Weshalb psychosoziale Unterstützung für unsere Projekte wichtig ist, wie Vivamos den PSS-Ansatz in der Praxis umsetzt und welche gewonnenen Erkenntnisse sich daraus für die Zukunft ergeben.

Vivamos hat ihre Erfahrung und ihren Arbeitsansatz zur psychosozialen Unterstützung (PSS) synthetisiert und daraus entsprechende Handlungsempfehlungen formuliert. Neben theoretischen Konzepten bilden die praktischen Erfahrungen unserer Partner die Grundlage unseres PSS-Ansatzes. Das PSS-Konzept beleuchtet, weshalb psychosoziale Unterstützung für unsere Projekte wichtig ist, wie Vivamos den PSS-Ansatz in der Praxis umsetzt und welche gewonnenen Erkenntnisse sich daraus für die Zukunft ergeben.

Weshalb PSS wichtig ist

Chronischer Stress verhindert erfolgreiches Lernen

Die Kinder und Jugendlichen aus unseren Projekten befinden sich aufgrund von Armut, Nahrungsunsicherheit und Gewalt in Krisensituationen, die zu akutem und chronischem Stress führen. Wenn das Ungleichgewicht länger bestehen bleibt, wirkt sich dies direkt negativ auf die Entwicklung der Kinder aus, da ihre Lern- und Gedächtnisfähigkeit beeinträchtigt ist. Personen, die sich in anhaltenden Stresssituationen befinden, handeln emotionaler und reaktiver und haben Probleme mit der Impulskontrolle. Eine weitere typische Folge von chronischem Stress in der Kindheit ist eine verminderte Aufmerksamkeit. Durch die Stärkung ihrer persönlichen Schutzfaktoren und sozialen Ressourcen können Kinder und Jugendliche mit Belastungen besser umgehen.

Ressourcenstärkung für ein besseres Gleichgewicht

Die erfolgreiche Bewältigung einer Krise oder von belastenden Situationen bedingt, dass eine Person über ein Repertoire an persönlichen und sozialen Ressourcen oder, anders ausgedrückt, «Widerstandskräften» verfügt. Im Idealfall stehen dabei Belastungen und Widerstandskräfte im Gleichgewicht. Bei vielen Kindern und Jugendlichen in unseren Projekten ist dies nicht der Fall, da die Belastungen schwerer wiegen als die Widerstandskräfte. Mit der gezielten Stärkung ihrer persönlichen und sozialen Ressourcen unterstützt Vivamos die Kinder und Jugendlichen dabei, die Resilienz-Waage besser im Gleichgewicht zu halten bzw. infolge von Krisen und chronischer Überbelastung durch multiple Stressfaktoren wieder in ein Gleichgewicht zu bringen.

Illustration Resilienz-Waage

Die fünf PSS-Elemente

  1. Emotionale und soziale Kompetenzen aufbauen
  2. Beziehungen und Netzwerk stärken
  3. Sicheres Umfeld schaffen
  4. Struktur und Routine herstellen
  5. Freizeit gestalten und Erholungsmomente schaffen

Wie psychosoziale Unterstützung in der Praxis umgesetzt wird

Ein typischer Tag in einem CEIBI-Kindergarten in Guatemala

Die CEIBI-Kindergärtnerinnen in Guatemala halten sich an einen strukturierten Tagesablauf. Von 8 bis 8:30 Uhr empfangen sie die Kinder. Diese spielen während der Ankunftszeit frei. Danach starten alle gemeinsam mit einem Begrüssungslied, gefolgt von einer kleinen Zwischenmahlzeit. Um 9 Uhr beginnt ein inhaltlicher Block, während dem sich die Kinder durch spielerische Übungen mit einem alltagsbezogenen Thema befassen. Vor und nach dem Mittagessen lernen sie durch Lieder und Verse grundlegendes Hygieneverhalten wie Händewaschen und Zähneputzen. Gemeinsam räumen sie auf. Mit einem Abschiedslied endet der Unterricht nach dem Mittagessen.

Ein Junge beim Spielen mit einem Stofftier

 

Wochenrhythmus in einem Berufsbildungsprojekt in Kolumbien

Dreimal pro Woche besuchen die Jugendlichen vormittags von 8 bis 12 Uhr den fachlichen Berufsunterricht. Nach dem Unterricht reinigen sie ihr Klassenzimmer und kehren entweder zurück zu ihren Familien oder bereiten ihr Mittagessen gemeinsam zu. Einmal pro Woche nehmen sie ganztags an einem Soft-Skills-Workshop teil. Durch kreative körperliche Aktivitäten, wie beispielsweise Bewegungs- und Tanzübungen oder Rollenspiele, lernen sie, sich frei auszudrücken. Sie arbeiten auch an ihrem «Lebensprojekt», bei welchem sie sich kurzfristige, mittel- und längerfristige Ziele setzen, die sie erreichen wollen. Im Friedensunterricht reflektieren sie über soziopolitische Themen und über respektvollen Umgang mit ihre Mitmenschen.

Jugendliche in Kolumbien

 

«Spielend lernen» in Honduras

In unserem Projekt «Vorschulbildung gegen Bildungslücken» in Honduras lassen die Kindergärtner*innen die Kinder täglich wählen, wie sie gerne begrüsst werden möchten – mit einer liebevollen Umarmung, einem kräftigen Händedruck, von Fuss zu Fuss oder mit einem lässigen Handschlag. Je nach Gemütslage entscheiden die Kinder selbst, was für sie gerade passt. Und wenn sie Lust haben, können sie am folgenden Tag auch eine andere Grussform ausprobieren. Diese tägliche kleine Geste fördert ihre Autonomie, das Erkennen und Mitteilen der eigenen Gefühlsverfassung und regt zugleich ihre Kreativität an.

Im Kindergarten in Honduras

 

 

Das gesamte PSS-Konzept

Im PDF finden Sie vertiefte Einblicke in den theoretischen Hintergrund, praktische Erfahrungen und die ausführlichen Handlungsempfehlungen.