Die Ergebnisse der Studie in Kürze
Höhere psychische Belastbarkeit
Youth Empowerment und psychosoziale Begleitung verbessern die mentale Gesundheit der Jugendlichen. Sie können besser mit Stress umgehen und leiden weniger unter Depressionen, vor allem in Extremsituationen.
Besseres Einkommen
Junge Menschen mit einer Youth Empowerment-Ausbildung verdienen mehr als Gleichaltrige ohne Youth Empowerment. Hochgerechnet auf 10 Jahre verdienen sie einen Monatslohn zusätzlich pro Jahr.
Ökonomisch effizient
Die Investition in Youth Empowerment lohnt sich auch volkswirtschaftlich: Ausgebildete junge Menschen tragen mit ihrer Arbeit zur Wirtschaft bei. Der Nutzen lässt sich anhand des Einkommens beziffern – er liegt bei 750 bis 1300 US-Dollar pro Person.
Warum Youth Empowerment so wichtig ist
Im kurzen Interview erklärt die Projektleiterin Stefanie Enssle, warum Youth Empowerment entscheidend ist – und was es konkret bewirkt.
Hintergrund und Kontext der Studie
Soacha und Bosa: keine schönen Wohnorte
Die Gemeinde Soacha und der Stadtbezirk Bosa im Südwesten von Bogotá sind im Lauf der Jahre ungeregelt zu einer Millionenagglomeration zusammengewachsen. Unter den Bewohner*innen sind viele Vertriebene, die wegen des jahrzehntelangen Bürgerkriegs vom Land in die Stadt geflohen sind. Hier finden sie sich in einer «Invasion» wieder, wie die planlos wuchernden Stadtteile in Kolumbien genannt werden. Diese Vorstädte sind geprägt von ungenügender Infrastruktur, Armut, Arbeitslosigkeit und Bandenkriminalität.
Jugendliche zwischen Potenzial und fehlenden Chancen
Im Februar 2023 waren in Kolumbien rund drei Millionen junge Menschen ohne Arbeit und ohne laufende Ausbildung. Zwei Drittel davon waren Frauen. Viele sind in Armut aufgewachsen und haben als Vertriebene im eigenen Land Gewalterfahrungen gemacht.
Aufgrund ihrer herausfordernden Lebenssituation sind ihre Chancen auf einen Platz in einem Berufslehrgang oder einen regulären Arbeitsplatz äusserst gering. Ein erfolgreiches Bestehen in Ausbildung und am Arbeitsplatz ebenso. So bleiben häufig nur prekäre Jobs oder Arbeitslosigkeit.
Gleichzeitig bringen diese drei Millionen Jugendliche für Kolumbien grosses Potenzial mit. Mit der richtigen Förderung können sie sich selbst und die Gesellschaft voranbringen.
Berufsbildung in Kolumbien: Chancen und Hürden
Im Vergleich zu anderen Ländern des Kontinents verfügt Kolumbien über ein gutes Bildungssystem. Das staatliche Berufsbildungsinstitut SENA und zertifizierte Privatinstitute bilden junge Menschen in halbjährigen oder ein- bis dreijährigen Kursen für eine Vielzahl von Berufen aus. Die theoretische Ausbildung in der Berufsschule in der ersten Kurshälfte und Praktikumseinsätze in der zweiten vermitteln ihnen die nötigen fachlichen Grundlagen eines Berufs.
Doch Ausbildungsplätze sind rar. Je nach Berufsfeld kommen auf einen Ausbildungsplatz beim SENA bis zu 500 Bewerber*innen. Private Institute wiederum sind für viele Jugendliche zu teuer. Damit sind die Zugangshürden für Jugendliche aus prekären und bildungsfernen Familienverhältnissen besonders hoch.
«Brücken ins Berufsleben»: Unser Programmansatz
In der Zusammenarbeit mit der kolumbianischen Organisation Apoyar hat Vivamos zwischen 2014 und 2022 mehr als 1200 jungen Menschen eine fachliche Berufsausbildung ermöglicht. Ab 2020 kamen vergleichbare Projekte mit einer weiteren kolumbianischen Partnerorganisation hinzu.
Vivamos und Apoyar beschränken sich in den halb- bis einjährigen Ausbildungen nicht nur auf die fachliche Berufsausbildung, sondern verbinden diese mit der psychosozialen Stärkung der Jugendlichen, kurz «Youth Empowerment». In diesem Teil des Programms trainieren Jugendliche in regelmässigen Gruppentreffen ihre Soft Skills. Sie arbeiten an ihrem Selbstwertgefühl, an Zuverlässigkeit, Pünktlichkeit, einem angemessenen, professionellen Auftreten, ihrem Durchhaltevermögen und ihren Konfliktlösungsfähigkeiten. So erwerben sie nicht nur berufliches Wissen, sondern auch die sozialen und emotionalen Fähigkeiten, die für einen erfolgreichen Einstieg ins Berufsleben entscheidend sind.
Lernen Sie die Geschichten von Leidy, Jhonatan und Edgar kennen
Die drei jungen Menschen aus Bogotá erzählen, wie sie mit dem Programm «Brücken ins Berufsleben» persönlich gewachsen sind.
Die Wirkungsstudie im Detail
Warum und von wem liess Vivamos die Wirkungsstudie durchführen?
Vivamos wollte wissen, wie wirkungsvoll Youth Empowerment in der Berufsbildung ist, um das langfristige Ziel von besseren Erwerbseinkommen zu erreichen. Dazu untersuchten zwischen 2018 und 2022 Forschende der Universität Lausanne und der Universidad de los Andes in Bogotá, wie sich zwei Projekte des Programms Brücken ins Berufsleben auf Einkommen und Wohlbefinden der jungen Menschen auswirkten.
Wie war die Studie aufgebaut?
Die Forschenden wählten ein Randomised Controlled Trial (RCT) – diese Methode gilt als wissenschaftlicher Goldstandard, um Wirkung zu messen. Bei RCT werden Teilnehmende zufällig verschiedenen Gruppen zugeteilt: Eine erhält eine Unterstützungsmassnahme, eine zweite eine andere Form der Unterstützung, und eine Kontrollgruppe keine. Anschliessend werden die Resultate mit statistischen Verfahren ausgewertet und verglichen. So lässt sich feststellen, ob die Resultate wirklich auf Unterstützungsmassnahmen zurückzuführen sind oder auf andere Faktoren.
Welche Jugendlichen nahmen an der Studie teil?
Die Forscher*innen teilten je 100 armutsbelastete Jugendliche im Alter von 18 bis 25 Jahren per Zufallsverfahren in drei verschiedene Gruppen ein:
- Gruppe VET+YE: fachliche Berufsausbildung (Vocational Education Training) und psychosoziale Ausbildung (Youth Empowerment)
- Gruppe VET: nur fachliche Berufsausbildung
- Kontrollgruppe: weder fachliche noch psychosoziale Ausbildung (alle Jugendlichen der Kontrollgruppe hatten nach Abschluss der Studie die Möglichkeit, am Berufsbildungsprogramm teilzunehmen)
Wie lange dauerte die Studie?
Die fachlichen Berufsbildungskurse dauerten von Februar bis November 2019. Die Teilnehmer* innen aller drei Gruppen wurden in der Zeit vor, während und nach diesem Jahr eng begleitet. Die Daten für die Studie wurden über einen Zeitraum von drei Jahren erhoben, mittels vier persönlichen Befragungen sowie alle drei Monate stattfindenden Telefoninterviews.
Impact Event: Präsentation der Studie in Bogotá
Vivamos und ihre Partnerorganisation Apoyar stellten die Studie im Juni 2023 einem breiten Publikum in Bogotá vor. Ein Meilenstein.
Zum VideoDownloads zur Studie
Erfahren Sie in den Publikationen alle Details zur Wirkungsstudie, dem Kontext in Kolumbien und dem Ansatz von Vivamos.