Inside Vivamos: Johanna Freund erklärt, wie Frühförderung in Kolumbien Bildungschancen stärkt
«Bildung ist das wichtigste Instrument, um einzelne Leben und ganze Gesellschaften zu verändern.»
Johanna Freund ist Projektleiterin für Früh- und Vorschulförderung bei Vivamos. Die Entwicklungspsychologin arbeitet seit 2009 in der internationalen Zusammenarbeit und hat mehrere Jahre in Kolumbien gelebt.
Johanna, warum setzt Vivamos auf Frühförderung?
Wir wissen, dass die gezielte Unterstützung von Kindern in vulnerablen Situationen einen enormen Effekt hat. Wächst ein Kind in einer sicheren Umgebung auf, statt von Gewalt und Angst geprägt zu sein, wirkt sich das positiv auf seine kognitive und körperliche Entwicklung aus – es ist ein ganz anderer Start ins Leben.
Unsere Wirkungsstudie mit der Universität Lausanne hat gezeigt, dass frühe Förderung den Kindern mittel- und langfristig bessere Bildungschancen bringt. Sie starten mit messbar besseren Fähigkeiten in die Schule, haben auch Jahre später noch bessere Schulnoten und wiederholen weniger Klassen als Kinder in der Kontrollgruppe ohne diese Unterstützung.
Was brauchen Kinder in benachteiligten Quartieren wie Bosa besonders?
Im Grunde dasselbe wie alle Kinder: Schutz, Zuwendung, gesunde Ernährung, Gesundheitsversorgung, Spiel und Lernanregung. Das ist auch im «Nurturing Care»-Modell der UNO klar abgebildet, an dem wir uns orientieren.
In schwierigen Lebenssituationen sind diese Bedingungen nicht selbstverständlich, und wenn einer oder mehrere Bereiche fehlen, potenzieren sich die Risikofaktoren. Viele Kinder in unseren Projektgebieten starten mit Entwicklungsrückständen in die Schule.
Wenn wir aber in dieser frühen Phase ansetzen, die Kinder altersgerecht fördern und ihr Recht auf Bildung, ihre Sicherheit und ihre Gesundheitsversorgung unterstützen, potenzieren sich die positiven Effekte. Deshalb ist es so wichtig, dass jemand früh hinschaut und die Kinder und ihre Familien in den entwicklungsprägenden Jahren aktiv begleitet.
Was tragen Vivamos und ihre Partnerorganisation Apoyar konkret bei?
Die Kitas, die wir in Kolumbien unterstützen, sind grundsätzlich staatlich subventioniert. Doch oft ist die Qualität der Betreuung mangelhaft. Unsere Partnerorganisation Apoyar bildet deshalb Erzieherinnen und Tagesmütter nach einem eigens entwickelten Ausbildungsmodell weiter, das pädagogische und psychosoziale Ansätze verbindet. Zudem prüft das Projektteam regelmässig, ob sie das Erlernte im Alltag umsetzen und wo es noch Anpassungen braucht. Dabei hilft es sehr, dass Apoyar die Bedingungen vor Ort sehr gut kennt; viele Mitarbeitende sind selbst in den Quartieren aufgewachsen, in denen sie arbeiten, und die Erzieherinnen schätzen ihr wertschätzendes Feedback.
Gleichzeitig lernen Kinder nicht nur in der Kita; die intensivsten Erfahrungen machen sie im Alltag mit ihren Bezugspersonen. Deshalb ist die Elternarbeit ein so wichtiger Bestandteil.
Fliesst die Erfahrung aus Kolumbien auch in andere Projekte ein?
Ja, auf jeden Fall: Unsere Resultate zeigen, dass qualitativ gute Frühförderung ein hochwirksamer und kostengünstiger Weg zu mehr Bildungsgerechtigkeit ist. Deshalb verfolgen wir diesen Ansatz auch in anderen Ländern.
Zudem zeigt das Beispiel von Apoyar, wie die Zusammenarbeit mit staatlichen Institutionen gelingen kann: Apoyar ist für ihre fachliche Expertise und ihr Kontextwissen bekannt und gestaltet in Fachgremien kommunale Entwicklungspläne mit, wo es zum Beispiel darum geht, welche lokalen Strukturen es für die frühkindliche Entwicklung braucht. Davon können auch andere Partnerorganisationen lernen, auch wenn die Herausforderungen in jedem Land unterschiedlich sind.
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