26. November 2025

Hoffnung säen, Zukunft ernten: Agrarökologie in der Praxis – von Zentralamerika bis Ostafrika

In den Winter News 2025 zeigt Vivamos mit Porträts von beiden Kontinenten, was agrarökologische Selbstversorgung und Wissensmultiplikation konkret bewirken.

Wo Hunger und Mangelernährung besonders gross sind, braucht es nachhaltige Lösungen: Vivamos stärkt Menschen in ländlichen Regionen mit Praxiswissen zu agrarökologischer Selbstversorgung und zu ausgewogener Ernährung. Ausserdem unterstützen wir sie dabei, ihre Böden, Wald- und Wasservorkommen wieder aufzubauen und für die Zukunft zu schützen. Unser Ziel: Resilientere Gemeinschaften, die sich ausreichend ernähren und trotz Klimawandel genügend gesunde Lebensmittel ernten können, um auch lokale Märkte zu beliefern.

Seit 2024 bringen wir unsere langjährige Erfahrung aus Lateinamerika auch in Kenia ein. Dabei setzen wir auf Wissensweitergabe vor Ort: Kleinbäuerinnen und -bauern erlernen neue Praktiken und geben diese als Multiplikator*innen an andere weiter. Porträts von beiden Kontinenten zeigen, was wir konkret bewirken, wenn sich Menschen zusammen für eine hoffnungsvollere Zukunft einsetzen.

 

Gesunde Böden für eine gesunde Ernährung

Edelmira Vásquez zeigt uns stolz ihren Gemüsegarten. Sie lebt in einem kleinen Dorf in den Hochtälern von Ocotepeque, im Westen von Honduras. «Dank dem Projekt mit Vivamos habe ich unglaublich viel über ökologische Landwirtschaft gelernt und ich achte viel mehr darauf, was ich esse», erzählt sie. Die Aktivitäten im Projekt reichen von der Herstellung von Bokashi-Kompost über Schulungen zu lokalem Saatgut und zur Geflügelhaltung bis zu Gesprächen zu Frauenrechten und Kochworkshops mit lokalen Produkten.

Edelmira in ihrem Garten

Edelmira Vásquez in ihrem Garten im Westen von Honduras

Als agrarökologische Beraterin im Dorf unterwegs

Edelmira ist eine von drei Personen in ihrer Gemeinde, die von den restlichen Familien im Projekt als agrarökologische Berater*innen ausgewählt wurden. «Zusammen mit meinen beiden Kollegen nehme ich an Schulungen teil und danach geben wir unser Wissen an die anderen Bauernfamilien weiter», erzählt sie.

Zusätzlich zu agrarökologischen Aktivitäten engagieren sich die Projektteilnehmenden auch für den Schutz ihrer natürlichen Ressourcen. Edelmira schätzt die Unterstützung dafür sehr: «Je mehr Wald wir schützen können, umso eher werden wir auch in Zukunft saubere Luft und genügend Wasser haben.»

Edelmiras Wunsch? «Es wäre schön, wenn unser ganzes Dorf auf agrarökologische Landwirtschaft umstellt – und eigentlich die ganze Welt. Aber fangen wir mal hier an, Schritt für Schritt: Mit uns zwanzig Familien im Projekt, dann hoffentlich vierzig und so weiter.»

 

Selbstversorgung und Unabhängigkeit für Witwen

Ruth Khaemba lebt im Westen Kenias, in der Region Mumias. Sie ist seit 19 Jahren verwitwet. Als ihr Mann starb, war sie 29-jährig, Mutter von zwei Kleinkindern und mit dem dritten schwanger. Ruth fiel in ein tiefes Loch und erlebte schmerzlich die Ausgrenzung, welcher Witwen in Kenia oft ausgesetzt sind. Heute leitet sie im Projekt mit Vivamos 109 Witwen an, die sich in fünf Solidaritätsgruppen mit je 20 bis 25 Frauen organisieren. Ruth schult jeweils die Leiterin jeder Gruppe im agrarökologischen Anbau, den sie vom Projektteam erlernt hat, und organisiert Treffen, an denen es auch um finanzielle Fragen und die Alltagsbewältigung geht.

Ruth

Ruth Khaemba im T-Shirt des Projekts «Frauen stärken, Ernährung sichern» im Westen von Kenia

«In dem Moment, wo dein Mann stirbt, verlierst du deine gesamte Welt», sagt Ruth. Aller Besitz geht im Todesfall an die Familie des Mannes über. Die Witwen stehen mittellos da und werden gemieden. «Niemand will mehr etwas mit dir zu tun haben. Das ist enorm belastend.» Am wichtigsten sei deshalb die gegenseitige emotionale Stärkung: «Ich kann sehr gut nachvollziehen, welche Herausforderungen die Witwen durchmachen, weil ich sie selbst erlebt habe. Mir fällt es deshalb sehr leicht, mit den anderen Witwen im Projekt zusammenzuarbeiten.»

Aus der Isolation ins Tun

Ruth ist eine von 10 Multiplikatorinnen, die insgesamt 1’100 Witwen in der Projektregion stärken. Sie vermittelt den Frauen, was sie in der agrarökologischen Ausbildung im Projekt gelernt hat: vielfältiges Gemüse anzubauen, Kompost- und biologischen Dünger mit vorhandenen Ressourcen zu produzieren und Schädlinge biologisch zu bekämpfen. Dies alles bringt den Frauen eine bessere Ernährung für ihre Familie und mehr Unabhängigkeit – dank Selbstversorgung und einem kleinen Einkommen durch den Gemüseverkauf an Nachbar*innen.

Gleichzeitig bieten die Gruppen den Witwen wertvollen Raum zum Austausch: Sie sind altersdurchmischt, ältere Frauen unterstützen die jüngeren mit ihren Erfahrungen. «Wir können uns gegenseitig trösten. Wir können einander unsere Geschichten erzählen», sagt Ruth: «Und wenn eine Witwe keine hoffnungsvolle Geschichte hat, fangen die anderen sie auf und helfen ihr, sich wieder aufzurichten.»

Ruth selbst ist nach einem steinigen Weg in der Gemeinschaft geschätzt: Sie wird mwalimu, Lehrerin, genannt. «Ich sehe eine hoffnungsvolle Zukunft vor mir», sagt sie: «Jeden Tag, wenn ich aufwache, weiss ich, dass ich das Leben eines anderen Menschen berühren werde – und gleichzeitig mein eigenes verändere.»

 

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Dieser Artikel ist in den Winter News 2025 erschienen ↓