9. Juli 2026

Gut vorbereitet in die Schule und ins Leben starten

Wie Frühförderung in Kolumbien Kindern bessere Bildungschancen ermöglicht

Seit bald 20 Jahren begleitet Viviana Diaz Kinder im Jardín San Bernardino in Bosa, einem Randbezirk von Bogotá. Hier finden täglich 200 Kinder einen sicheren Ort zum Spielen, Lernen und Wachsen. Darüber hinaus unterstützt das Kita-Team – bestehend aus Kleinkinderzieherinnen, einer Ernährungsberaterin und einer Psychologin – die Eltern mit psychosozialer Beratung und konkreten Strategien, um die gesunde Entwicklung ihrer Kinder zu fördern. 

Im Jardín San Bernardino in Bosa herrscht schon früh am Morgen lebendiger Betrieb: Täglich kommen hier 200 Kinder im Alter von zwei bis fünf Jahren zur Tagesbetreuung. «Hier war schon vor zwanzig Jahren viel los», sagt Viviana Diaz lachend. «Als wir die Kita eröffneten, hatten wir Platz für 150 Kinder – und eine lange Warteliste.»

Viviana war 18 Jahre alt, als die kolumbianische Fundación Apoyar die Idee für eine Kita im Quartier vorstellte. «Ich hatte eine zweijährige Tochter, gerade den Schulabschluss nachgeholt und wusste noch nicht, wie es weitergehen sollte.» Sie meldete sich als Kinderbetreuerin, zusammen mit weiteren Frauen aus dem Quartier. Heute leitet sie die Kita und ein 13-köpfiges Team.

«Am wichtigsten ist mir, dass sich die Kinder hier sicher fühlen», sagt sie. «Wir bieten ihnen einen Ort, an dem sie spielen und fröhlich sein können, unabhängig davon, wie die Situation bei ihnen zu Hause gerade ist.»

Kita-Szene: Kinder und Kita-Leiterin am Basteltisch

 

Ein sicherer Ort zum Kindsein

Bosa ist ein dicht besiedelter Randbezirk von Bogotá, wo die meisten Familien in prekären Verhältnissen leben. Viele wurden durch den langjährigen internen Konflikt aus anderen Regionen des Landes vertrieben oder zogen in der Hoffnung auf bessere Perspektiven in die Stadt. Eltern arbeiten oft lange Tage, müssen weite Wege zurücklegen oder kämpfen mit instabilen Einkommens- und Wohnverhältnissen. Gibt es keine Kitas in der Nähe, bleiben die Kinder oft stundenlang unbetreut zu Hause.

Das Angebot der Kita San Bernardino, das für die Familien kostenlos ist, stiess deshalb sofort auf offene Ohren: «Die Quartierbevölkerung wurde von Anfang an eingespannt», erinnert sich Viviana. «Wir organisierten sogar ‘Backsteinmärsche’»: Wer konnte, steuerte Materialien für den Bau der Kita bei – ein Sack Zement, ein Backstein oder mehrere. Für Viviana trägt das noch heute dazu bei, dass die Kita fest im Quartier verankert ist: «Sie ist für uns nicht einfach irgendeine Institution, sondern ein Ort, der den Familien gehört.»

Die Kinder erhalten in der Kita feste Mahlzeiten, eine klare Tagesstruktur, altersgerechte Förderung und aufmerksame Betreuung. Eine Psychologin unterstützt bei familiären Problemen und eine Ernährungsberaterin sorgt dafür, dass die Kinder genügend ausgewogen essen.

 

Begleitung über die Kita hinaus

Zentral ist auch die Arbeit mit den Eltern, denn was die Kinder zu Hause erleben, prägt ihre Entwicklung mindestens so stark wie der Alltag in der Kita. An regelmässigen Veranstaltungen sensibilisieren Viviana und ihr Team die Bezugspersonen dafür, was die Kinder für eine gesunde Entwicklung brauchen. Die Eltern erlernen alltagstaugliche Strategien zur gewaltfreien Erziehung, um trotz grosser Belastungen nicht dieselben Muster weiterzugeben, mit denen sie selbst aufgewachsen sind. Zudem informiert das Kita-Team zu Impfungen, unterstützt bei der Anmeldung für die kostenlose staatliche Gesundheitsversorgung und für die Schule, begleitet Familien bei psychosozialen Belastungen und vermittelt bei Bedarf weitere Hilfe. Wenn Kinder plötzlich nicht mehr in die Kita kommen oder Mütter von schwierigen Situationen zu Hause erzählen, schaut das Team genau hin.

Dass diese Arbeit anspruchsvoll ist, verschweigt Viviana nicht. «Manchmal bin ich nah dran, das Handtuch zu werfen», gibt sie zu. Umso schöner sind die Momente, wenn sie auf der Strasse von dankbaren Müttern angesprochen wird, sagt sie, «und das Schönste ist für mich immer noch der tägliche Austausch mit den Kindern, die bei uns einfach Kind sein und wachsen können.»

Viviana Diaz

 

Starke Fachpersonen für starke Kinder

Auch Viviana selbst ist mit der Kita gewachsen. Sie hat ein Studium in Frühpädagogik sowie verschiedene Weiterbildungen absolviert und viel «on the job» gelernt. «Ich habe mich als Fachperson, als Mensch und als Frau weiterentwickelt», sagt sie. Früher habe sie sich kaum getraut, sich in Gesprächen einzubringen. «Ich hatte wenig Kontakt mit Leuten ausserhalb meines Zuhauses und wusste oft nicht, worüber die anderen sprachen.» Heute steht sie auch privat für gesellschaftliche Themen ein, die ihr wichtig sind.

Einen ähnlichen Wandel hat sie bei ihren Kolleginnen beobachtet. Zu Projektbeginn hatten viele der Frauen keine formale Ausbildung. «Der Einstieg ins Berufsleben und die Ausbildung in Frühpädagogik waren enorm wichtig für uns», ist Viviana überzeugt. «Ohne diese Möglichkeiten wären die meisten wohl immer noch isoliert zu Hause.»

Die Aus- und Weiterbildung von Erzieherinnen und Tagesmüttern ist ein zentraler Teil der Arbeit unserer Partnerorganisation Fundación Apoyar. Sie vermittelt ihnen ganzheitliche Frühförderung und begleitet sie mit regelmässigem, wertschätzendem Feedback in ihrem Arbeitsalltag. Karent Mendoza, Koordinatorin bei Apoyar, sagt: «Die Erzieherinnen haben das Potenzial, das Leben eines Kindes zu verändern. In unseren Weiterbildungen vermitteln wir ihnen deshalb nicht nur Fachwissen – wir schärfen auch ihr Bewusstsein dafür, wie wichtig ihre Arbeit ist.»

 


Bildungsgerechtigkeit dank Kitas

Mit der Kita in Bosa verbindet Vivamos eine lange Geschichte: Vor rund 20 Jahren unterstützten wir den Bau des Gebäudes und ihren betrieblichen Aufbau in den ersten Jahren. Seither finanzieren lokale Behörden den Betrieb. Nun unterstützen wir die Kita erneut zeitlich befristet, um ihre Qualität zu verbessern: Wir stärken die Aus- und Weiterbildung der Erzieherinnen, räumliche Verbesserungen und die so wichtige Elternarbeit.

Die Kita ist Teil unseres Projekts «Bildungsgerechtigkeit dank Kitas». Von 2024 bis 2026 unterstützen wir damit insgesamt 3350 Kinder, 5700 Eltern und Bezugspersonen sowie 138 Tagesmütter und Erzieherinnen in benachteiligten Quartieren in Bogotá und benachbarten Gemeinden. Unser Ziel: Kinder, Familien und Fachpersonen nachhaltig stärken – für mehr Bildungsgerechtigkeit und bessere Zukunftschancen.

Dass unser Ansatz wirkt, belegt eine wissenschaftliche Wirkungsstudie der Universität Lausanne: Kinder aus qualitätsverbesserten Kitas zeigten bereits nach einem Jahr deutlich bessere kognitive, sozio-emotionale und psychomotorische Fähigkeiten als Gleichaltrige ohne Unterstützung. Die positive Wirkung war auch mehrere Jahre später signifikant messbar: Die Kinder erzielten bessere Schulnoten und wiederholten seltener eine Klasse.