«Irgendwann leidet die Qualität der Arbeit»: Samuel Secaira von Vivamos Mejor Guatemala über Finanzierungskürzungen
Interview zu den Auswirkungen des Rückzugs der USA und zu aktuellen Schwerpunkten im Umweltprogramm von Vivamos Mejor Guatemala
Der Biologe Samuel Secaira leitet seit fünf Jahren das Programm «Resiliente Landschaften und Biodiversität» unserer Partnerorganisation Vivamos Mejor Guatemala. Im Gespräch berichtet er, was der Rückzug internationaler Geldgeber für die Arbeit vor Ort bedeutet – und was ihn trotz allem hoffnungsvoll stimmt.
Samuel, warum arbeitest du bei Vivamos Mejor Guatemala?
Ich bin am Atitlánsee aufgewachsen und war schon als Kind viel in der Natur unterwegs und fasziniert von der Artenvielfalt in meiner Heimat. Das hat mich später zum Biologiestudium motiviert. Gleichzeitig hat mich die grosse Armut hier schon immer beschäftigt. Irgendwann war mir klar: Wir Menschen und die Natur sind miteinander verwoben – für den Umweltschutz braucht es die Menschen und für ein gutes Leben für die Menschen eine gesunde Umwelt.
Worauf konzentriert ihr euch in eurem Umweltprogramm?
Wir verknüpfen vier Schwerpunkte für eine nachhaltige ländliche Entwicklung an der Vulkankette Guatemalas: Agrarökologie, Ökosystemmanagement, ländliche Wirtschaft und Umweltbildung. Kernstück ist unsere Feldschule CEDRACC (Bildungszentrum für ländliche Entwicklung und Anpassung an den Klimawandel)* mit einer agrarökologischen Modellfarm und einer grossen Setzlingsaufzucht. Dort produzieren wir alle Setzlinge für unsere Projekte und zur Wiederherstellung degradierter Anbauflächen, bewahren alte Sorten und erproben neue Anbautechniken.
Hat sich der Rückzug der USA aus der internationalen Zusammenarbeit auf eure Arbeit ausgewirkt?
Ja, definitiv. Wir hatten von einer US-Regierungsbehörde die Zusage für ein mehrjähriges Projekt. Anfang 2025 wurde uns von einem Tag auf den andern das zugesagte Budget von 400'000 Dollar gestrichen – nach langjähriger Partnerschaft. Zudem mussten wir Gelder für ein Projekt rückerstatten, das bereits am Laufen war. Auch andere Geldgeber ziehen sich zurück oder kürzen Beiträge. Dort, wo wir noch Gesuche einreichen können, steigt der Wettbewerb: Wo es früher 30 Bewerbungen auf eine Ausschreibung gab, sind es heute 300. Statt dass wir zusammen mit gleichgesinnten NGOs auf eine bessere Welt hinarbeiten können, stehen wir vermehrt in Konkurrenz zueinander. Zudem fordern viele Geldgeber, mit weniger Mitteln mehr zu erreichen. Aber darunter leidet irgendwann die Qualität der Arbeit. Und die ist entscheidend, wenn wir nachhaltig wirken wollen.
Was gibt dir dennoch Hoffnung?
Wir wissen, dass wir gute Arbeit leisten und in Guatemala in gewissen Themen als führend gelten. Unsere Expertise wird von der Regierung geschätzt. Wir haben zum Beispiel massgeblich zum Schutzkonzept gegen Waldbrände im Departement Sololá beigetragen und bilden regelmässig Feuerbrigaden sowie staatliche Förster und Landwirtschaftsberater aus. Unsere Baumschule, wo wir 40 ökologisch wertvolle, teilweise vom Aussterben bedrohte einheimische Arten aufziehen, ist landesweit bekannt. Ich hoffe, dass wir unsere Arbeit trotz der schwierigen Weltlage weiterführen können.
Wie geht ihr in die Zukunft?
Vivamos hat uns stark dabei unterstützt, Strategien zur finanziellen Nachhaltigkeit zu erarbeiten und wir probieren Verschiedenes aus. Eine neue Einnahmequelle ist zum Beispiel, dass wir im CEDRACC jetzt auch Weiterbildungen für Behördenmitglieder, Studierende und andere NGOs durchführen. Und wir versuchen, mit anderen Finanzierungspartnern dieselbe Vertrauensbasis aufzubauen wie mit Vivamos; ihre Flexibilität nach dem Rückzug der USA hat uns enorm geholfen. Uns ist klar: Unsere Arbeit hier vor Ort ist weiterhin relevant und wir bleiben auf alle Fälle mit viel Herzblut dran.
*Weitere Informationen zum Bildungszentrum CEDRACC: auf der Website von Vivamos Mejor Guatemala (auf Spanisch)
Dieses Interview ist im Jahresbericht 2025 erschienen. Mehr zu unserer Arbeit mit Vivamos Mejor Guatemala finden Sie auf den Themenseiten.